Ludwig Pfau (1821-1894)

Zum 18. März.

1848.

Vor dem Berliner Schlosse
Ertönt ein Trauerlied:
Da liegen viel hundert Tote,
Sie liegen in Reih und Glied.
Und Leich’ um Leiche tragen
Die Bürger stumm heran,
Als wollten sie sagen: König!
Da sieh, was du getan!

Da liegen sie, Mann und Knabe,
Starr mit zerfetztem Leib;
Da kommen sie weinend und klagend,
Braut, Schwester, Bruder, Weib.
Da schauen Väter und Mütter
Die toten Söhne an –:
Herrgott! Und das hat ein König,
Ein deutscher König getan!

Viel tausend Stimmen drohen:
Der König muß herab;
Er salutiert die Toten
Und nimmt die Mütze ab.
Da bluten all aufs neue
Bei ihres Mörders Nahn,
Als sprächen sie: das hat ein König,
Ein deutscher König getan!

Und viele werden's sprechen,
Viel tausend fern und nah;
Die Völker werden rächen
Den Frevel, der geschah.
Auf Sturmesflügeln bricht sich
Durch Land und Länder Bahn
Der Zornesschrei: Das hat ein König,
Ein deutscher König getan!

Weh! Volk, vom eignen Blute
Sind deine Hände rot;
Der Bruder schlug den Bruder,
Weil es ein Fürst gebot.
Ein großes Grab soll alle
In seinen Schoß empfah’n;
Drauf schreibet: Das hat ein König,
Ein deutscher König getan!

Dies Grab, es wird zum Grabe
Der königlichen Macht;
Die Blut gesäet haben,
Die ernten eine Schlacht.
Im Blute wird ersticken
Der alten Treue Wahn:
Gottlob! und das hat ein König,
Ein deutscher König getan!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 347-348 .
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