Der Proletar.

1849.

Was blühst du, Baum! was prangst du so?
Mein Weib liegt unterm grünen Klei.
Du Nachtigall, was schlägst du froh?
Mein süßes Kind liegt auch dabei.
Sie darbten, darbten mit Geduld,
Bis sie zuletzt gestorben sind;
Der Hunger hat sie eingelullt,
Barmherz'ger als ein Menschenkind.

Mein Vater zog nach Westen fort,
Verjagt mit der Besiegten Schar;
Zum Sterben fand er einen Ort,
Der alte, müde Proletar.
Mein Mütterlein, das arme Weib,
Das brauchte keine Grube mehr;
Sie senkten ihren morschen Leib
Zur ew'gen Ruh ins tiefe Meer.

Wohl flüstert noch der Lindenbaum
Von Lenz und Lust ob meinem Haupt,
Die Glocken singen wie im Traum
Die Lieder, die ich einst geglaubt.
O Glaube, der da »selig macht«!
Du köstlich, tröstlich Angebind'!
Wie hast du uns so reich bedacht –
Wenn wir einmal gestorben sind.

Mein Weib liegt unterm grünen Klei,
Gesegnet sei die Ruhestätt'!
Mein sües Kind liegt auch dabei,
Sie lagen stets in einem Bett.
Mein Vater zog zu sterben fort,
Mein' Mutter ward des Meeres Raub –
Ich schüttle bald im fernen Port
Von meinem Fuß den deutschen Staub.

O unglückselig Vaterland!
Dein Morgenlicht ist Abendrot;
Am Werkstuhl dorrt die fleiß'ge Hand,
Das treue Herze bricht die Not.
Des Kummers Träne ist dein Tau;
Dein Trost, das ist die Neue Welt;
Das Elend reiPt auf deiner Au –
Drum ist das Grab dein bestes Feld.

Du gleichst der Mutter, die ihr Gut
Mit frechen Buhlen schnöd verpraßt
Und betteln schickt ihr eigen Blut,
Vor fremde Türen jagt zu Gast.
Gleiß nur und grüne wie ein Grab,
Bedeck mit Blumen deine Schand';
Gib her mein Erb', den Bettelstab,
Du unglückselig Vaterland!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 322-323 .
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