Ludwig Pfau (1821-1894)

Dem greisen Uhland.

»Ergehst du dich im Abendlicht –
Das ist die Zeit der Dichterwonne –
So wende stets dein Angesicht
Zum Glanze der gesunknen Sonne.«
Uhland

Zur stillen Feier deiner Dichterstunde
Laß mich im Glanz der Sonnenrüste kommen;
Schon ist der Himmel wonnefarb entglommen,
Und Lichtgebilde wallen in der Runde.

Aus goldnen Äthers unermessnem Grunde
Kommt sel'ge Zukunft siegreich hergeschwommen;
Dies hohe Lied, kein Ohr hat es vernommen,
Doch solche Glut braucht nicht des Wortes Kunde.

So lodert dir ein Lichtheer stummer Gluten,
Die deines Liedes Flammen hinterließen,
In tausend Herzen, dir nicht zu vermuten,

In des Sonetts kristallne Schale schließen.
Laß mich sie all, die schönen Liebesfluten,
Und dir aufs Haupt als Abendglorie gießen.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 258.
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