Ludwig Pfau (1821-1894)

Flüchtlingssonette vom Jahr 1849.

I.

Ich kenne eine Kön'gin, eine hohe,
Der Krone goldne Flamme ist entfacht
Auf ihrem Haupt, um ihrer Schultern Pracht,
Da schlägt des Purpurmantels stolze Lohe.

So schreitet sie dahin, die Opferfrohe,
Wie Lenzwind rauscht ihr Schleppkleid durch die Nacht,
Und Kön’ge halten unter Schrecken Wacht,
Ob sie mit ihren nackten Schwerte drohe.

Denn kommt sie, gilt kein altverjährter Raub,
Wie künstlich sich der Räuber auch entschuld’ge,
Und Kronen fallen ab wie welkes Laub.

Zum Löwen macht das Lamm sie, das geduld’ge,
Und Throne sinken vor ihr in den Staub –
Sie ist die einz’ge Fürstin, der ich huld’ge.

Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 277.
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