Ludwig Pfau (1821-1894)

Die großen Toten.

Im warmen Licht, in reger Luft,
Da ziehn des Lebens Boten,
Im kühlen Grund, in stiller Gruft,
Da ruhn die großen Toten.

Sie schlafen tief, sie schlafen fest,
Nichts kann sie mehr versehren:
Sie halten da ihr Schlummer-Fest
In ihren Heldenehren.

Aus ihren Stirnen träumt ein Hort
Unsterblicher Gedanken,
Die, harrend auf das Schöpfungswort,
Mit in die Gruft versanken.

Um ihre Häupter, ernst und kühn,
Die auf den Schultern thronen,
Da ranken mit dem ehrnen Grün
Die heil'gen Lorbeerkronen.

Es ruhen Purpurmäntel reich
Um ihre Marmorlenden;
Sie halten, hehren Kön'gen gleich,
Goldzepter in den Händen.

Nie hat das Leben solche Pracht
Als wie der Tod gegeben;
Und niemand hat der Toten Macht
Von allen, die da leben.

Die Worte bändigen die Welt,
Die aus den Gräbern steigen –
Die Wurzeln sind in Nacht gestellt,
Allein die Wipfel zweigen.

Im dunkeln Reich, im stillen Port,
Da ruhn die großen Toten;
Doch ihre Thaten wandeln fort
Im Lichte, ew'ge Boten.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 247-248.
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