Ludwig Pfau (1821-1894)

Des Sängers Heer.

»Henker!« schreit der König wild,
»Greifet mir den Sänger!
Schänden meine Krone blank
Soll sein Mund nicht länger.
Morgen bist du zahm und stumm,
Alter Rattenfänger!
Rufst nicht mehr im Land herum:
»Freiheit! Freiheit!»

Stolz im Tode steht der Greis,
Und mit Lächeln spricht er:
»Wer das Wort nicht töten kann:
Tötet nicht den Dichter.
Heil euch, ew'ge Lebenslust,
Ew'ge Himmelslichter!
Schreien werd' ich aus der Gruft:
Freiheit! Freiheit!

Wogend Volk! mein Rachelied
Will ich dir vererben:
Wort ist Kraft, und Kraft ist That –
Schlag den Thron in Scherben!
Wenn die Freiheit leben soll,
Muß der König sterben –
Weh ihm! wenn der Ruf erscholl:
Freiheit! Freiheit!«

Und der König steht und lauscht –
Ferne Wetter zanken;
Dumpfes Murren in der Luft,
Und die Wipfel schwanken.
Näher, näher braust der Chor
Stürmender Gedanken;
Donnernd schlägt es an sein Ohr:
»Freiheit! Freiheit!«

»Weh! das Schreckwort findet mich
Selbst im Kreis der Zecher;
Durstig trinkt des Sängers Lied
Mit mir aus dem Becher.
Nachts wenn ich zu Bette geh',
Ruft es frech und frecher –
Morgens wenn ich früh aufsteh':
Freiheit! Freiheit!

Durch Gemach und Halle streicht
Klingendes Verderben;
Millionen Stimmen schon
Sind des Sängers Erben –«
»Wenn die Freiheit leben soll,
Muß der König sterben;
Weh dir, weh! dein Maß ist voll:
Freiheit! Freiheit!«

»Helf mir Gott! in Fleisch und Blut
Nahn des Alten Lieder;
Tausendfüßig jeder Vers
Reckt die ehrnen Glieder.«
Von des Sängers Lied gefällt,
Stürzt der König nieder;
Ob dem toten jauchzt die Welt:
»Freiheit! Freiheit!«


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 240-242.
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