Ludwig Pfau (1821-1894)

Des Geigers Heimkehr.

Der Geiger lehnt am Lindenbaum,
Er streicht die Fiedel wie im Traum.

Mit schwarzen Locken zog er aus,
Mit weißem Barte kehrt er nach Haus.

Es kennt ihn kein Mensch im Heimatort,
Die alte Lust ist gar verdorrt.

Die einst gesessen beim Hochzeitschmaus,
Sie ruhn von allen Tänzen aus.

Die alte Linde kennt ihn allein,
Wo er geführt den lustigen Reihn.

Und wie er fiedelt ohne Rast,
Da tanzen die Blätter an jedem Ast.

Auch er sehnt sich nach Schlaf und Ruh',
Er geigt und macht die Augen zu.

Es klagt als spielten Geister zu Gast,
Die Blätter tanzen wie sturmgefaßt.

Die Fiedel entsinkt ihm, sein Herz erklingt –
Horch, war das eine Saite, die springt?

Ein Windhauch durch die Fiedel zieht,
Sie geigt dem Geiger ein Sterbelied.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 217.
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