Ludwig Pfau (1821-1894)

Die Nonne.

Aus Klosterzinnen die Nonne stand,
Sie schaute hinaus in das winkende Land.
Was fand ihr Auge tief unten?
Die bunten,
Die Blumen im Feiergewand.

Was hörte sie schmettern für süßen Schall?
Das war aus der Linde die Nachtigall;
Sie sang: Der Mai verrinnet –
O minnet!
Ihr Herzen erquicket euch all!

»Wie sonnig schaut alles, wie wonnig heraus!
Die Freude mit feurigen Flügeln wallt aus.
Und ich soll vergehn in Thränen
Und Sehnen?
Versiegen ein Quell ohne Lauf?

O Kirche! du großer Totenschrein!
Da blinzet nur ängstlich die Sonne herein,
Nur Seufzer hallen wieder;
Hernieder
Schaun kalte Götter von Stein.«

Sie beugte vom Rande sich niederwärts –:
»Nimm, Mutter Erde, den Busen voll Schmerz!
Nimm auf in die liebenden Arme,
Mich Arme,
Und lege zu Blumen mein Herz!«

Da klangen die Glocken des Klosters zumal,
Sie riefen hernieder ins tiefe Thal:
Wohl denen die da schlafen
Im Hafen,
Im Ruhbett sonder Qual.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 222-223.
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