Ludwig Pfau (1821-1894)

O Königinne!

Was raunt in der Königin Gemach?
Da ist der schöne Page wach,
Er spricht mit frohem Sinne:
»Wie lieg' ich hier so weich und warm,
Mit einem Königreich im Arm,
O Königinne!

Ich hab' ein Land, das Land ist klein,
Ich schließ' es mit zwei Händen ein,
Zwei Röslein blühn darinne;
Doch trägt kein Erdreich größre Lust
Als deine weiße, wallende Brust,
O Königinne!

Mein Schloß ist nur ein winzig Thor,
Mit Lippen steh' ich wach davor,
Mit roten Pagen der Minne;
Doch kein Palast im Erdenrund
Ist lieblich wie dein glüher Mund,
O Königinne!

Mein Thron, an süßen Gnaden reich,
Er macht den Bettler dem König gleich,
Das ward ich selig inne;
Kein Sitz der Welt macht sorgenlos
Und wonnenvoll wie dein schwellender Schoß,
O Königinne!«

Was raunt in des alten Königs Gemach?
Da ist der garstige Henker wach,
Er schleicht wie eine Spinne –
O Page! du trägst dein Sterbekleid;
Wie thut nur dein junges Leben leid,
O Königinne!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 196-197.
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