Ludwig Pfau (1821-1894)

Der Wassermann.

Was rauscht die See, was schwillt die Flut,
Da rings die Wellen schliefen?
Es ist der Wassermann frechgemut,
Er steigt aus Meerestiefen.

Es lauscht die Maid vom Dünenrand,
Sie flieht wie eine Hinde
Wohl über die Klippen,
wohl durch den Sand,
Ihr Schleier fliegt im Winde.

Und husch! der Wassermann hinter ihr her –
Da steigen so jäh die Wände,
Da kann sie nicht weiter, da kann sie nicht mehr,
Da haschen sie feuchte Hände.

Er spricht kein Wort, nicht leis, nicht laut.
Er schaut sie an so lange,
Er schaut sie an so wild, so traut,
Als wie den Vogel die Schlange.

Er nestelt ihr Mieder auf so leis,
Er löst ihr Schnallen und Spangen –:
»Keine Wasserlilie darf so weiß
Wie deine Schultern prangen.«

Er saugt ihr durch die Haut das Blut
Mit raubfischwildem Gelüste –:
»Wohl schwellender als des Meeres Flut
Sind die Wellen deiner Brüste.«

»O Wassermann, schöner Wassermann!
Weh! daß du mich gefangen;
Du saugst dich an mein Leben an
Mit mächtigem Verlangen.

Du schaust mich an so tief und klar
Wie die See, die bodenlose;
Deine Stimme klingt so wunderbar
Als wie der Wellen Gekose.«

Er nimmt eine Muschel breit und blank
Und badet ihr die Füße –:
»Du machst mein Herz so sehnsuchtkrank,
Du Feuerlilje, du süße!

Mir ist so kühl, mir ist so bleich,
Muß nach der Sonne darben;
Du darfst erblühn im goldnen Reich,
Mit Wangen rosenfarben.

Das ist das warme Menschenblut
Mit seinen Purpurstrahlen;
Mir ist, als säh' ich Abendglut
In Perlenmutterschalen.

Das ist der schaffende Zaubersaft
Mit seiner Qual und Wonne,
Mit seiner göttlichen Leidenschaft,
Flammend als wie die Sonne.«

»O Wassermann, schöner Wassermann!
Du ziehst so abgrundgewaltsam;
Du schmeichelst mich in deinen Bann,
Ich gleite unaufhaltsam.

Ich sink' und sink', als wie der Fluß
In das tiefe Meer muß sinken;
In deinem Blick, in deinem Kuß,
Da mein' ich zu ertrinken.«

Er nimmt einen Kamm vo Golde und klar,
Mit schimmernden Bernsteinzinken;
Er kämmt und kämmt ihr seidnes Haar,
Bis ihr die Augen sinken.

»Dort unten schlummerst du wie ein Kind,
Wenn hier die Stürme toben;
Das klingt wie Wiegenlieder lind,
Wenn's braust und saust hier oben.

Dort winkt in Pracht des Korallengesteins
Die Grotte zu lieblichem Ruhen;
Da liegen die Schätze blitzenden Scheins,
Sie liegen in goldenen Truhen.«

»O Wassermann, schöner Wassermann!
Du schläferst mich ins Verderben!
Die JIungfrau, die dich liebgewann,
Ich weiß es, die muß sterben.«

Was schäumt das Meer und schlägt so laut
Daß die Felsen dröhnen und triefen?
Der Wassermann mit seiner Braut
Versank in Meerestiefen.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 171-173.
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