Ludwig Pfau (1821-1894)

Vergißmeinnicht.

War ein Blümlein wunderfein,
Hieß Vergißmeinnicht,
Stand in Mutters Kämmerlein,
Schimmerte so treu und blau
Wie des Himmels Licht.

Mutter lag im Bettlein krank,
Und ihr Herze bricht;
Streckt sie noch die Hände schwank
Sprachlos nach dem Blümlein aus:
Kind, vergiß mein nicht!

Kindlein hat es wohl bedacht,
Holt das Blümlein blau,
Setzt es heimlich in der Nacht
Weinend auf der Mutter Grab,
Übers Herz genau.

Und das Blümlein wurzelt gern
In das Grab hinein;
Schreibt mit manchem blauen Stern
Auf der Mutter kühles Bett:
Kind vergaß nicht dein!

Und zum Grabe schleicht das Kind
Aus dem fremden Haus;
»Mutter!« ruft es, horcht und sinnt,
»Komm ach! nur ein einzigmal
Aus dem Grab heraus!

Blümlein, Blümlein, wurzle du
Tief bis an ihr Herz!
Bring ihr in die Grabesruh',
Lieber Bote, meinen Gruß,
Sag' ihr meinen Schmerz.«

Und beim nächsten Morgenrot,
Ach wie freudenklar!
Lag das Kind im Bettlein tot;
Einen Kranz von Blümlein blau
Trug es in dem Haar.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 227-228.
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