Ludwig Pfau (1821-1894)

Der Kleine.

Es ging einmal im Walde
Ein Männlein, winzig klein,
Da sah es alsobalde,
Ja ja balde,
Ein schönes Mägdelein.

»So grüß' dich Gott du Feine!
So reich mir deine Hand;
Gieb mir, du süße Meine,
Ja ja Meine,
Gieb mir dein Herz zum Pfand.«

»Geh mach mir keine Faxen
Und keine Narretei,
Du mußt zuvor noch wachsen,
Ja ja wachsen,
Iß noch ein Jährlein Brei.

Du wirst die Rute kriegen,
Läufst du nicht heim geschwind;
Gehörst noch in die Wiegen,
Ja ja Wiegen,
Du kleines Wickelkind!«

»Du, Schlimme, hast gelogen,
Das ist zu deinem Leid;
Ich trag' wohl einen Bogen,
Ja ja Bogen,
Statt einem Wickelkleid.

Ich hab' wohl spitze Pfeile,
Die treffen, warte nur!
Es reut dich eine Weile,
Ja ja Weile,
Ich bin der Knab' Amur.«

Er zielte mit dem Bolze,
Er schoß sie mitten ins Herz:
»Jetzt mußt du leiden, Stolze,
Ja ja Stolze,
Jetzt mußt du leiden Schmerz.«

Die Maid hub an zu weinen,
Ihr Herz that bange Schläg'.
Weiß Gott! es sind die Kleinen,
Ja ja Kleinen,
Die Schlimmsten alleweg.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 204-205.
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