Ludwig Pfau (1821-1894)

Des Kaisers Heimfahrt.

Majestätisch zog die Henne durch die Meernacht, ihre Maste
Trug sie stolz, als ob sie wüßte, wer in ihrem Schoße raste.

Und die Wellen klopften schüchtern an das Schiff, mit leiser Klage;
Denn Napoleon, der Kaiser, lag darin im Sarkophage.

Von dem Felsen, wo er oftmals heimwärts sah voll Klaggebärde,
Wird er jetzt hinweggetragen, tot, zur heimatlichen Erde.

Alle Totenkerzen löschen plötzlich aus zur zwölften Stunde,
Alle Wächter sinken plötzlich schlummernd nieder in der Runde.

Und der Wind hält an den Atem, Welle flüstert leiser, leiser –
Von dem Sarge springt der Deckel, langsam steigt empor der Kaiser.

Aufrecht, mit gekreuzten Armen, steht er da, wie einst im Streite;
Noch den Adler auf dem Busen, noch das Schlachtschwert an der Seite.

Und sein Schwert, das lang geschlummert, schwingt er in dem Glanz der Sterne,
Daß ein helles Wetterleuchten hinfährt durch des Himmels Ferne.

Hin, wo seine Tapfern schlafen, blitzt der Schwertschein durch die Lüfte,
Und die Donner fliegen dröhnend durch der tiefsten Gräber Klüfte.

Die da schlafen in der Wüste an der Pyramiden Fuße,
Scharren sich aus gelbem Sande bei des Kaisers Donnergruße.

Die der schwarze Schlund der Alpen einst beim Übergang verschlungen,
Heben die zerschellten Schädel, wie der Schein hinabgedrungen.

Die in kalter Nacht auf Rußlands Feld die Heimkehr einst verschliefen,
Brechen aus gesprengtem Eise, wühlen sich auf schnee'gen Tiefen.

Die in Deutschlands Saatgefilde bei der Völkerschlacht versunken,
Steigen aus verschwundnen Gräbern, noch vom langen Traume trunken,

Die vom Meergesang umrauschten, die zerschlug die wilde Brandung,
Tauchen aus der Flut und stehen aufrecht an des Schiffes Wandung.

Lautlos harrt der Kaiser, um ihn scharen sich die Legionen;
Gleichwie Wetterwolken fliegen sie herbei aus allen Zonen.

Welch' ein Blitzen, welch' ein Sausen! wie sie kommen, wie sie wallen!
Wie sich alle Trommeln rühren! wie die Hörner laut erschallen!

Wie auf bleichen Lippen drohend noch die dunkeln Bärte wehen!
Wie aus tiefen Augenhöhlen glühe Augen funkelnd sehen!

Unabsehbar in die Ferne, gleichwie Nebel auf dem Meere,
Dehnen sich die luft'gen Reiter, dehnen sich die stummen Heere.

Jetzt ein Zug in Leichenhemden naht in feierlichem Schritte -
Invaliden, ihres Domes Schlüssel schwanken in der Mitte.

Wie die Grabesschlüssel nahen, und die Sterne Ein Uhr zeigen,
Schließt der Sarg sich, und die Wächter fahren aus dem tiefen Schweigen.

Nur die Meereslüfte ziehen; doch Matrosen wollen sehen,
Daß am fernsten Morgenhimmel noch zerfetzte Fahnen wehen.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 233-235.
Alle Rechte dieser Edition vorbehalten! © 1997-2012 by Günther Emig.
Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.