Ludwig Pfau (1821-1894)

Volksweisen.

XIII.

Ihr Totengräber! beim Ulmenbaum,
Was schaufelt ihr für tiefen Raum?

»Wir baun ein Haus mit dem Grabescheit,
Wird sechs Schuh lang und drei Schuh breit.

Nur sechs Schuh lang, nur drei Schuh breit,
Und ist ein Haus für die Ewigkeit.«

Und ist es gebaut, wer zieht hier ein?
Dies Haus ist für mein Leid zu klein.

»Das größte Leid hat Platz im Grab,
Wir senken dein bleiches Lieb hinab.«

Und senkt ihr mein bleiches Lieb hinein,
So komm ich früh beim Morgenschein.

So komm ich alltag beim Morgenglanz
Mit einem frischen Rosenkranz.

Und einsmals wird der Tag aufgehn,
Da werdet ihr keinen Kranz mehr sehn.

Dann holet eure Schaufeln schnell,
Grabt noch ein Grab an dieser Stell’.

»Und graben wir noch ein Grab zur Stell’,
Wer soll sie schmücken mit Rosen hell?

Wer soll sie schmücken mit Rosen rot,
Wenn alle lieben Herzen tot?«


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 142.
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