Ludwig Pfau (1821-1894)

Volksweisen.

XII.

Im letzten Haus.

Das Herz ist mir so schwer, so schwer!
Ich wollt', daß ich zu Hause wär';
Da steh' ich auf im Morgenschein
Und wandre fort landaus, landein,
Zur Herzallerliebsten mein.

Da komm' ich heim in stiller Nacht
Und klopfe an ihr Lädlein sacht
Und klopfe an ihr Fensterlein:
Mach auf, mach auf und laß mich ein,
Du Herzallerliebste mein!

Da schaut ein altes Weib heraus –:
»Dein Schätzlein zog zum Dorf hinaus,
Im letzten Haus, da zog sie ein,
Da wohnt hinter Rosen und Rosmarein
Die Herzallerliebste dein.«

Da geh' ich weiter für und für,
Da komm' ich an die Kirchhofthür':
O weh, o weh! der Totenschrein,
Der wird das letzte Haus wohl sein,
Du Herzallerliebste mein!

Ach! daß du liegst im tiefen Grund!
Hörst nicht des Glöckleins Schlag allstund,
Siehst weder Sonn noch Mondenschein,
Schläfst da so mutterseelallein,
Du Herzallerliebste mein!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 141.
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