Ludwig Pfau (1821-1894)

Volksweisen.

VII.

Nach einem Wächterlied.

Mein Schatz! an hoher Zinne lag
Der Wächter und rief an den Tag:
Man spüret schon den roten Morgenschein,
Und wo zwei Lieb noch bei einander sein,
Die scheiden sich bald,
Der Mond versinkt im grünen Wald.

»Mein Lieb, o bleib an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!
O laß mich noch ein Stündlein bei dir sein,
Noch geben alle Sterne ihren Schein:
Es war ein Traum,
Die Mitternacht ist vorüber kaum!«

Am Fenster schweigt Frau Nachtigall,
Sie sang, das war ihr lezter Schall:
Es lugt der Tag mir schon ins Nest herein,
Wohlauf! Gesell, es muß geschieden sein!
Geh' balde, bald!
Der Wagen rollt, die Peitsche knallt.

»O wüßtest du zu dieser Frist,
Wie du, mein Lieb, so wert mir bist –
Es mag auf Erden mir nichts Liebres sein!
Da nimm, du süße Maid, dies Ringelein
Von Gold so rot,
Ich bleib’ dir treu bis in den Tod!«

Schau purpurn Licht wird überall,
Die Lerche singt mit lautem Schall;
Sie ruft in hoher Luft im Sonnenschein:
Wo nun zwei Lieb noch bei einander sein,
Die scheiden sich bald,
Der Tag kommt durch den grünen Wald.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 134-135.
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