Ludwig Pfau (1821-1894)

Mutter Nacht.

Du heil’ge Nacht, du stille, schöpferische!
Der alles Leben schlief im keuschen Schoß,
Du thronst ob ins in ew’ger Jugendfrische,
Du königliche Mutter, mild und groß.

Du träumest, und dein Traum ist all die Ferne,
Die uferlose, die kein Becken faßt;
Du denkst – deine Gedanken sind die Sterne,
Die dir im Haupte wandeln ohne Rast.

Du breitest sorglich deine dunkle Hülle
Auf alles Leben, das im Keime steckt,
Der Mutter gleich, die vor des Lichtes Fülle
des Kindes Aug’, das werdende, bedeckt.

Doch tritt der Tag aus seinen goldnen Thoren,
Setzt dir aufs Haupt der stolze deinen Fuß,
Dann jauchzt das Leben all, das du geboren,
Dem jungen König seinen Feiergruß.

Es rauscht der Wald mit seinen grünen Wogen,
Es rauscht das Meer, das purpurrot erblüht;
Und all die Kinder, die du still erzogen,
Gehören jetzt dem Tag, der sie durchglüht.

Es läutert sie in seinem heißen Strahle
Und ladet alle in sein gastlich Haus
Und gießt aus seiner diamantnen Schale
Das holde Licht auf ihre Häupter aus.

Doch sind sie matt von Lust und müd vom Leide,
Und brennt ihr Auge von dem vielen Licht,
Dann kommen sie, in deinem Faltenkleide,
O Mutter Nacht, zu bergen ihr Gesicht.

Dann, wann der Tag sie alle läßt, der wilde,
Sein Reigen allgemach im Ohr verklingt,
Bist du es, Mutter Nacht, du treue, milde,
Die sie zu Bett, die müden Kinder, bringt.

Da rührt sich keines in der stillen Klause,
So unbeleidigt ruhn, und unversehrt
Die Schläfer all, als wie im Mutterhause
Ein Wandrer, aus der Fremde heimgekehrt.

Du aber wallst durch deine weiten Reiche
Ob ihren Häuptern segnend hin, o Nacht!
Und hegst die Welt in ewig steter Gleiche,
Die sich im Schoß dir ewig neu entfacht.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 84-85.
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