Ludwig Pfau (1821-1894)

Der Becher.

Das Leben ist ein goldner Becher
Voll süßer Lust und dunkler Kunde.
Nur sparsam nippt der kluge Zecher
Und gönnt sich kaum ein Freudenfest.
Nie taucht sein Blick zum tiefen Grunde,
Doch schwächer rinnt der Wein und schwächer
Der Geist verduftet Stund' um Stunde –
Aus trinkt der Tod den matten Rest.

Der Thor hängt an des Bechers Ränden
Und schlürft in Zügen, ungemessen;
Er schüttelt ihn, daß an den Wänden
Sich aufbäumt wilder Lüfte Schaum.
Den Ernst läßt er im Grund indessen,
Des Lebens Mark, und aus den Händen,
Da er noch einmal trank Vergessen –
Sinkt ihm der Becher wie im Traum.

Der echte Mensch in seinem Ringen
Trinkt mutig, sei's vom Süßen, Herben;
Den Grund will er zu Tage bringen,
So Wein als Wahrheit muß heraus!
Er kann sich neuen Trank erwerben,
Zur Mutterquelle darf er dringen;
Dem Tode läßt er nur die Scherben –
Er trank das ganze Leben aus.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 65.
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