Ludwig Pfau (1821-1894)

Kleine Lieder vom Herzen.

XVIII.

Wo andern volle Becher schäumen,
Da schaust du wie ein Bettler zu;
Wo sie genießen, mußt du träumen,
Wo sie empfangen, wünschest du.
Nichts hast du, Herz, als deine Sorgen
Und deiner Sehnsucht ew'gen Pfad –
Und dennoch schlägst du jeden Morgen
Voll junger Kraft, voll junger That.

Wie du nie aufhörst zu beginnen
Und auszusenden neues Blut,
So hörst du nimmer auf zu spinnen
Am Glück, das in dir selber ruht.
Die schöne Welt darfst du erkennen,
Weil du ihr deine Sprache giebst –
Und, Herz, mein Herz! dein eigen nennen
Darfst du ja alles, was du liebst.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 58.
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