Ludwig Pfau (1821-1894)

Kleine Lieder vom Herzen.

XV.

Dich fand noch nie das Morgenrot
In Thränen wach und bittrer Not;
Du ahnst sie nicht, die stille Macht,
Die schlummert in der Seele Tiefen:
Die Kräfte, die im Busen schliefen,
Erweckt das Unglück über Nacht.

Drum greif mir nicht mit klugem Wort
In meiner Brust geheimsten Hort –
Dein Herz ist eng. die Welt ist weit.
Nur der weiß von des Herzens Rechten,
Der sie des Lebens strengen Mächten
Hat abgekämpft in blut'gem Streit.

Du gräbst des Geistes ew'gem Fluß
Das Bett nicht, drin er wallen muß –
Laß mich und spinne deinen Tag!
Ich trag' allein so Lust als Schmerzen,
Nur was mir wächst im eignen Herzen,
Ist, was ich thun und glauben mag!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 55.
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