Ludwig Pfau (1821-1894)

Still!

Thu' deine Liebe keinem kund,
Sonst wachsen über Nacht die Sorgen;
Sieh, wie die Blume tief im Grund
Den süßen Tropfen hält verborgen.
Die zärtlichen Gefühle hüt,
Daß scheu sie bleiben gleich den Rehen –
Was dir in Herzen Tiefen blüht,
Das laß nicht vor den Menschen sehen.

Auch deinen Schmerz behalt allein,
Dein Auge laß ihn nicht vermuten;
Sonst wird er bald vergiftet sein,
So bleibt er rein und kann verbluten.
Laß, wie die Sonn' im Meer verglüht,
Dein Weh im Busen untergehen –
Was dir in Herzens Tiefen blüht,
Das laß nicht vor den Menschen sehen.

Sei's Lust, sei's Leid, trag du es still,
Daß nichts die böse Zunge merke;
Und ob das Herz dir brechen will,
Schweig: mit den Lasten wächst die Stärke.
Die schönen Flammen im Gemüt,
Bewahr sie vor des Odems Wehen –
Was dir in Herzens Tiefen blüht,
Das laß nicht vor den Menschen sehen.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 66.
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