Ludwig Pfau (1821-1894)

Die Traube.

Traube auf des Berges Kamm,
Über dir des Himmels Kerzen,
Edle Traube! wundersam
Gleichst du einem Dichterherzen.

Frei an deinem schwanken Holz
Willst du in der Sonne schweben –
Wie ein Herz, das hoch und stolz
Muß in Licht und Freiheit leben.

In die Tiefe, in die Nacht
Darfst du deine Wurzeln spinnen,
Hörst die alten Ströme sacht
Durch des Berges Adern rinnen.

Saugst aus Erd' und Himmel Blut,
Kraft und selige Gedanken,
Die dereinst wie Feuerflut
Durch das Haupt des Zechers schwanken.

Reifest – wie ein Herz, das sich
Tief in alles Leben senket,
Und in Nächten inniglich
Seiner eignen Wunder denket.

Aber bist du süß und stark,
Glüht in dir der Geist der Lieder,
Fühlst du schon den Herbst im Mark,
Deine Blätter rauschen nieder. –

So das Herz, an Schätzen reich:
In dem Kampfe seines Strebens
Rauscht ihm Blatt um Blatt zugleich
Von dem goldnen Baum des Lebens.

Aber dein Geschick so schwer,
Traube, mußt du freudig tragen;
Deine Fülle, Beer um Beer,
Wird zertreten und zerschlagen. –

Muß doch so das volle Herz
Scheiden von den schönsten Träumen,
Muß erdulden Schlag und Schmerz,
Bis in ihm die Lieder schäumen.

Ha! wie strömt dein feurig Blut
In die leuchtenden Pokale –
Also strömt des Herzens Flut
In des Liedes goldne Schale.

Und wenn nun dein Zauberquell
Blinket im kristallnen Becher –
Klingt das Lied des Dichters hell
In dem Kreis der frohen Zecher.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 68.
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