Ludwig Pfau (1821-1894)

Gestorbene Liebe.

I.

Einst hat vor deines Vaters Haus
Gesäuselt die Trauben Blüte;
Die Liebe hat wie ein Rosenstrauß
Geduftet in meinem Gemüte.

Die Trauben wurden zu Wein seit lang,
Die Rosen sind abgefallen;
Der alte Duft, der alte Klang,
Die mußten verwehn, verhallen.

II.

Und wenn ich dich jetzt wieder seh',
Bewegt mein Herz sich kaum;
Da tut mir's in der Seele weh,
Daß alles Glück nur Traum.

Wie wir geliebt einst und geglüht,
Vergessen hätt' ich's bald;
Dein schönes Antlitz ist verblüht,
Ach! und mein Herz ist kalt.

Bedenkt ich, wie in Lust und Schmerz
Du mein warst und ich dein,
Da könnt' ich weinen, daß ein Herz
Kann gar so treulos sein.

III.

Sind das die Augen, zauberhaft,
Die mich so oft entzückt?
O schau mich an mit jener Kraft,
Die mir den Sinn verrückt.

Wohl funkeln sie so prächtig her,
So mächtig wie zuvor -
Doch finden sie das Schloß nicht mehr
An meines Herzens Tor.

IV.

Ist das der Mund, der süße Mund,
Der mich so oft geküßt?
Mir ist, ob ich zu dieser Stund
Ihn wieder küssen müßt'.

Umsonst reichst du die Lippen her,
Die sonst mich schier verbrannt -
Die Lippen kennen sich nicht mehr,
Die sich so gut gekannt.

V.

Armes Herz! nicht länger wühle
In der Asche der Gefühle;
Von der Flammen stolzem Prunken
Blieben nur Erinn'rungsfunken.

Ach! wir mußten uns entfernen
Und allein zu leben lernen,
Lernen uns allein zu laben -
Lieben heißt sich nötig haben.

VI.

Eine Locke hab’ ich noch von dir,
Die du mir in schöner Nacht gegeben;
Ist mir doch, als könnte ich an ihr
Alte Zeiten aus dem Grabe heben.

Wie ich gleich die alte Lust und Qual
In des Herzens tiefstem Grunde spüre,
Wenn ich diese Locke nur einmal
Mit den Fingerspitzen leis berühre!

Kind! Dein Haar ist doch so reich und licht,
Aber wenn ich das lebend'ge fasse,
Weckt es die begrabne Liebe nicht
Wie die Locke, die verstorbene, blasse.

VII.

Schau mich nicht an
Mit Augen voll Versprechen,
Es heilt kein Wahn
Das Bündnis, das zerriß;
Es hält kein Erz
Die Ketten, die zerbrechen,
Es gleicht kein Herz
Dem Herzen, das man ließ.

An meiner Brust
Kannst du nicht wieder blühen,
Die alte Lust
Verscheucht das junge Glück;
Der Rosenstrauß
Muß seinen Duft versprühen,
Er haucht ihn aus
Und nimmt ihn nicht zurück.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 41-44.
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