Ludwig Pfau (1821-1894)

Augen und Tränen.

Verlöschen soll vom vielen Weinen
Ein Auge, sei es noch zu klar;
Doch lichter dringt der Strahl es deinen
Durch all die Tränen immerdar.

Es wohnt ja nicht im Aug' die Wonne,
Es wohnt ja nicht im Aug' der Schmerz:
Was aus ihm bricht wie eine Sonne,
ist in der Brust das Menschenherz.

Je reicher in der Brust das Scheinen,
Je heller strahlt das Auge gleich -
Kann da sein Licht vergehn vom Weinen?
Wird nicht das Herz von Tränen reich?

Kein Wunder, daß dein Auge glühte
Nach all dem Weh so hell und rein;
Denn all der Reichtum im Gemüte
Gedeiht in heil'gem Schmerz allein.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 21.
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