Ludwig Pfau (1821-1894)

Vorwort.

Arme Lieder, da stehn wir bestürzt vor dem Auge des Lesers,
Und es versagt uns das Wort, das uns der Dichter gelehrt.
Wie vor fremdem Besuch ein Schwarm lautjubelnder Kinder
Halb verschämt, halb erschreckt, flüchtend zur Ecke sich drängt,
Bergen wir uns. Wohl schmeichelt der Gast dem Vater zuliebe,
Faßt uns lobend am Kinn, tätschelt die Wange uns mild.
Aber wir schweigen verstockt und weigern ihm jegliche Antwort;
Denn wir merken es wohl, daß er im Innersten denkt:
Wär' ich Euch los mit Art, ihr wenig erbaulichen Engel!
Was die Väter doch schwach sind für Ihr eigenes Blut!
Doch der Vater, er nimmt uns aufs Knie, und flüsternde Worte
Sagt er uns lächelnd ins Ohr, die wir so oft schon gehört.
Da erhellt sich unser Gesicht und öffnet sich freundlich,
Wie ein geschlossener Kelch, wenn ihn die Sonne bescheint.
Er durchschaut und erkennt all unsre geringsten Geberden,
Der uns an sorglicher Brust täglich und nächtlich gehegt;
Weiß den unendlichen Schatz gewaltig treibenden Lebens
Unter der Wange so rund, hinter der Stirne so glatt.
Er ist Künstler und Kenner zugleich, ein Schaffer und Schauer:
Und er herzt uns mit Fug, die ihn zum Vater gemacht.
Sieh, da kommt auch der Freund, der wohlbekannte, frohlockend,
Drehn wir uns, hüpfender Schwarm, rhythmisch im Reigen um ihn;
Jauchzen und Klagen und flehn zum empor, der ein zweiter
Vater uns ward und uns liebt, weil er uns liebend begreift.
Unser lallen, ihm ist es Musik, er hört in dem stammeln,
Wie sich der ringende Geist von der Empfindung befreit.
Nur wer fühlenden Sinns dir naht und kindlichen Herzens,
Kann deine Schönheit verstehn, göttliches Kindergeschlecht!
Und wir Lieder, wir Kinder des Lichts in dunkeln Gewändern,
Zeigen dem Liebenden nur unsre verborgene Welt.
Für den Fremdling sind wir ein müßiges Volk, dem Geweihten
Plaudern wir traulichen Tons unsre Geheimnisse aus:
Er, der allein Unaussprechliches schaut im bescheidenen Zeichen,
Hört im empfundenen Wort, was ihm die Sprache verschweigt.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. V-VII.
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